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Lügen oder die Wahrheit sagen?

Prof. Dr. Christian Zielke

 

„Wie viel Wahrheit können wir unseren Mitarbeitern zutrauen?“ fragte der Vorstand in die Runde.

„Wie meinen Sie das?“ wollte der Einkaufsleiter wissen. – „Sollten wir unangenehme Sachverhalte verschleiern oder mit unseren Mitarbeitern eine klare Sprache sprechen?“ 

 

Schlechtes gut vermarkten

„Auf keinen Fall“, warnte der Marketingchef. „Schlechte Nachrichten sollten immer in einem positiven Licht erscheinen.

Die Verlustankündigung an der Börse stellen wir ja auch als Gewinnwarnung dar.

Und in der Politik wird auch nicht von Rezession gesprochen, sondern von einem Minuswachstum.“

Politische Sprache

„Das ist ein wichtiger Punkt“, stellte der gewerkschaftsfreundliche Produktionsleiter fest.

„Die Parlamentarier nennen es Diätenanpassung, wenn sie sich selbst bedienen und betonen die Eigenverantwortung der Bürger, wenn sie meinen, dass jeder für sich selber aufkommen muss.

Extrasteuern werden zu Ausgleichsabgaben und Kriegseinsätze werden als friedenserhaltende Maßnahmen deklariert.

Sollte einmal ein Soldat von seinem Kameraden aus Versehen erschossen werden, spricht man vom Friendly fire. Gefallen hört sich immer noch besser an als im Krieg gestorben.“

„Das weiß ja schon unser Tierarzt“, stellte der Forschungsleiter fest, „wenn er von Einschläfern statt von Töten spricht. Friedlich entschlafen klingt sanfter als Sterben.“

Personaler-Sprache

„Die Macht der Sprache kennt ja auch das Personalwesen“, wandte der Betriebsrat ein. „Der Abbau von Bürokratie meint ja nichts anders als die Entlassung von Mitarbeitern.

Doch in diesem Fall sprechen Sie nicht von Entlassen, sondern von Freisetzen.“

-  „Alles andere wäre ja auch nicht optimal“, verteidigte sich der Personalchef. – „Sie fragen ja im Restaurant auch nicht nach dem Klo, sondern nach dem Waschraum.

Und dem unbegabten Müller können Sie nicht ins Gesicht sagen, dass er dumm ist. Sie bezeichnen ihn als talentfrei und die zickige Frau Meier wird zur konfliktstarken Persönlichkeit.“ –

Zeugnis-Sprache

„Das ist ja interessant“, wandte der Betriebsrat ein. „Wie bezeichnen Sie denn einen Mitarbeiter, der von nichts ne Ahnung hat oder der ein Weichei bzw. eine Heulsuse ist?“

– „Sie meinen einen Generalisten oder den einfühlsamen Mitarbeiter?“

„Das ist ja wieder einmal typisch Personaldeutsch“, bemerkte sein Gegenüber. „Aus besserwisserisch und pedantisch wird korrekt, aus kontaktscheu introvertiert und aus verschwenderisch großzügig.

Kein Wunder, dass kein Mensch Eure Zeugnissprache versteht.“

Diplomatie

„Das ist doch ganz einfach,“ erklärte der Personaler:

„Es ist die Kunst, mit dem Fuß aufzustampfen, ohne jemanden auf die Zehen zu treten.“

– Oder jemanden zur Hölle zu schicken, ohne dass er es merkt“ kritisierte der Betriebsrat.

„Ihr versteckt die Wahrheit unter dem Mantel der Diplomatie, dass letztendlich niemand mehr versteht, wer sie sind und was sie wollen. Für wen soll das gut sein?

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